Es gibt eine Konstellation, die ich in meiner Arbeit häufiger beobachte als jede andere: Ein Vertriebler mit überzeugenden Stationen, starken Referenzen und klarer Abschlussstärke wechselt in ein neues Unternehmen — und ist nach neun Monaten wieder weg. Manchmal im gegenseitigen Einvernehmen. Manchmal nicht.

Das Unternehmen fragt sich: Haben wir uns beim Kandidaten geirrt? Der Kandidat fragt sich: War das wirklich der richtige Schritt? Und der Headhunter — sofern er ehrlich ist — fragt sich: Was haben wir übersehen?

Kompetenz ist kontextabhängig

Vertriebskompetenz ist keine konstante Größe. Sie entfaltet sich — oder sie verpufft. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Persönlichkeit, Führungsstil, Marktreife und dem, was ein Unternehmen im Alltag wirklich toleriert.

Ein Vertriebler, der im strukturierten Konzernumfeld mit klar definierten Prozessen, einem starken Innendienst und langem Verkaufszyklus außergewöhnlich liefert, kann im mittelständischen Umfeld — wo Eigeninitiative, Improvisationsfähigkeit und ein hohes Maß an Selbstorganisation gefordert sind — innerhalb weniger Monate an seine Grenzen stoßen. Nicht weil er schwächer geworden ist. Sondern weil das System andere Stärken abverlangt.

Das gilt auch umgekehrt: Wer im dynamischen Scale-up gelernt hat, mit Unklarheit umzugehen, Dinge zu gestalten statt zu verwalten, und Entscheidungen ohne Rückendeckung zu treffen, kann im prozessgetriebenen Konzernumfeld schnell als „schwer steuerbar“ wahrgenommen werden — obwohl exakt diese Eigenschaft in einem anderen Kontext den entscheidenden Unterschied macht.

Drei Dimensionen, die Lebensläufe nicht abbilden

In meiner Arbeit habe ich gelernt, dass es vor allem drei Faktoren sind, die über den langfristigen Erfolg einer Vertriebsbesetzung entscheiden — und die in keinem Lebenslauf erscheinen:

Führungserwartung: Wie viel Orientierung braucht der Kandidat, und wie viel gibt die Führungskraft? Nicht jede Führungskraft ist in der Lage oder willens, einem neuen Mitarbeiter in der Einarbeitungsphase die Struktur zu geben, die er braucht. Wenn beides zusammentrifft, entsteht stiller Frust — auf beiden Seiten.

Marktreife des Produkts: Ein erfahrener Hunter, der es gewohnt ist, ein etabliertes Produkt in einem bekannten Markt zu verkaufen, wird Schwierigkeiten haben, wenn plötzlich Überzeugungsarbeit für ein noch wenig bekanntes Angebot gefragt ist. Die Frage „Was hat der Kandidat bisher verkauft?“ ist weniger wichtig als: „Unter welchen Marktbedingungen hat er es getan?“

Interne Erwartungslogik: Was gilt in diesem Unternehmen als Erfolg — wirklich? Nicht das, was im Zielsystem steht. Sondern das, womit man intern Anerkennung bekommt. Diese ungeschriebenen Regeln entscheiden oft mehr über Zufriedenheit und Verbleib als das Gehalt.

Was das für die Besetzungsentscheidung bedeutet

Wenn ich ein Mandat annehme, führe ich deshalb zunächst ein strukturiertes Gespräch mit der direkten Führungskraft — nicht nur mit HR. Nicht weil HR unwichtig wäre, sondern weil die Realität der Rolle im Alltag meistens anders aussieht als im Anforderungsprofil.

Ich frage: Woran ist der letzte Kandidat gescheitert — und was wurde daraus gelernt? Welche Freiheiten hat der neue Mitarbeiter wirklich, und welche nicht? Wo endet Vertrieb in diesem Unternehmen, und wo beginnt die Abhängigkeit von anderen Abteilungen?

Diese Fragen sind manchmal unbequem. Aber sie sind der Unterschied zwischen einer Besetzung, die nach neun Monaten wieder aufgemacht werden muss — und einer, die trägt.